Unsere Geschichte
Unsere Geschichte – wie wir aus der Krise zurück zur Ruhe fanden
Eine ehrliche Familiengeschichte – von den ersten Auffälligkeiten im Kindergarten über den tiefsten Punkt bis zu echten Erfolgen. Und warum daraus RuheDock entstanden ist.
12 Min. Lesezeit · Für Eltern, die gerade nicht mehr weiterwissen · Von Sönke, Vater und Gründer von RuheDock
RuheDock ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern aus den schwersten Jahren unseres Familienlebens. Ich erzähle diese Geschichte nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern weil ich weiß, wie einsam man sich fühlt, wenn jeder Tag mit dem eigenen Kind zum Kampf wird – und niemand zu verstehen scheint, was wirklich los ist.
Zum Schutz unseres Sohnes nenne ich seinen Namen hier nicht. Wenn du gerade an einem ähnlichen Punkt stehst: Du bist nicht allein, und es kann wieder besser werden. Bei uns wurde es das – in vielen kleinen Schritten.
1. Kindergarten: anders – aber niemand wusste, warum
Schon im Kindergarten gab es auffällig oft Elterngespräche. Unser Sohn war eher ein Einzelgänger – mit Gleichaltrigen konnte er wenig anfangen, lieber spielte er mit den Größeren oder suchte die Nähe der Erzieherinnen.
Eine Erklärung dafür hatte niemand. Er war eben „aktiver und anstrengender“ als andere Kinder. Auch die Schuleingangsuntersuchung war unauffällig: laut, aktiv – aber die Amtsärztin stellte nichts fest. „So ist das mit Jungs. Der eine so, der andere so.“
2. 1. Klasse: der Anschluss fehlte
In der ersten Klasse fing es langsam an. Unser Sohn fand kaum Anschluss und wurde zu keinen Geburtstagen eingeladen. Nach der Schule war er völlig erschöpft und hatte keine Lust mehr auf den nächsten Tag. Lesenlernen und Konzentration fielen ihm sichtbar schwer.
3. 2. Klasse: die Eskalation beginnt
In der zweiten Klasse kam es zum ersten Elterngespräch: Er sei laut im Unterricht, akzeptiere selten Regeln und werde schnell wütend – bis hin zu selbstverletzendem Verhalten, Gewalt gegen Türen und Streit mit Mitschülern. Bald folgten wöchentliche Anrufe und eine Klassenkonferenz.
Erst da wurde das ganze Ausmaß sichtbar – und auch, dass die Schule viel zu spät reagiert hatte und überfordert war. Für uns als Eltern war es zu viel: Meine Frau erlebte einen mentalen Zusammenbruch, ich kämpfte mit massiven Versagensängsten.
4. Die Hochbegabungs-Spur – Hoffnung und Rückfall
Parallel fielen uns seine vielen Spezialinteressen auf – sogar im Urlaub drehte sich alles um Steine oder die Römer. Sein Wissen war für sein Alter erstaunlich groß, und die Frage nach einer Hochbegabung kam auf.
Es folgten unzählige Termine und Gespräche. Zwei Tests mussten abgebrochen werden, weil er sie nicht zu Ende bringen konnte – am Ende attestierte man ihm eine erhöhte Intelligenz. Das gab uns Hoffnung. Die Schule wurde informiert: Er müsse mehr gefordert werden und brauche Anerkennung.
Mit Förderaufgaben lief es zunächst erstaunlich gut. Doch nach zwei Wochen kehrte das alte Muster zurück – nur stärker: mehr Wut, mehr Selbstverletzung (Hauen, Beißen), Weglaufen aus dem Klassenraum, Auseinandersetzungen, gestörter Unterricht. Wir wurden immer wieder zum Abholen gerufen.
5. Der Moment, der alles veränderte
(Dieser Abschnitt beschreibt eine akute Krise. Wenn dich das gerade belastet, überspring ihn gerne.)
Und dann kam dieser eine Tag. In seiner Wut stieg unser Sohn im zweiten Stock auf das Fensterbrett vor dem offenen Fenster: „Ich springe jetzt. Es ist besser, wenn ich nicht mehr da bin.“
Eine Schulbegleitung, die in der Klasse eigentlich für ein anderes Kind da war, reagierte geistesgegenwärtig und holte ihn vom Fensterbrett. Als wir als Eltern davon erfuhren, zerbrach etwas in uns, das sich kaum in Worte fassen lässt. Unser Sohn und ich wurden krankgeschrieben. Uns war klar: So konnte es nicht weitergehen. Wir brauchten echte, fachliche Hilfe.
6. Der schwerste Anruf: wir holen uns Hilfe
Es folgten viele Gespräche, ein Termin beim Kinderarzt und die Anmeldung beim Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJPP). Unser Sohn wurde nur noch zwei Stunden täglich beschult, mit einem Förderplan – und doch wiederholte sich bald das alte Schema aus Ärger mit der Schule.
Dann zog ich die Reißleine und tat den für mich schwersten Schritt: Ich rief beim Jugendamt an. „Wir brauchen Hilfe. Was können wir tun?“ Statt Vorwürfen fanden wir offene Ohren und Verständnis – und schnell einen Termin. Eine Familienhilfe kam als Partnerin an unsere Seite, auch für die Verhandlungen mit Schule und Ämtern.
7. Endlich ein Name: die Diagnose
Neben zwei Stunden Beschulung an einer Förderschule liefen die Diagnostik-Termine weiter. Wir Eltern gingen durch die Hölle – viele Tränen, viel Wut, viel Ohnmacht.
Und dann kam die erste Klarheit: ADHS, verbunden mit einer Impulskontrollstörung. Plötzlich ergaben die letzten Jahre einen Sinn. Die Diagnose war kein Endpunkt, sondern endlich ein Ansatzpunkt.
8. Rückschläge gehören dazu
Zurück an der Schule, mit der Familienhilfe an Bord und einem neuen Förderplan, ging die Teilbeschulung weiter – aber es wurde nicht besser. Es kam zur zweiten Androhung von Suizid.
Wieder zogen wir konsequent die Reißleine und brachen ab, was nicht trug. Über das Jugendamt bekam unser Sohn Kontakt zu einer Jugendgruppe, um soziale Kontakte zu knüpfen: nachmittags drei Stunden, ein Ort zum Ankommen. Doch auch hier kamen bald Angst und Streit – und das alte Muster zurück.
9. Tagesklinik: der Wendepunkt
Der nächste Schritt war die Anmeldung in einer Tagesklinik. Für uns als Eltern war das schwer – etwas Fremdes, Ungewisses. Für unseren Sohn bedeutete es Angst, und es kostete viele Tränen und Gespräche.
Es wurden drei Monate mit vielen Höhen und Tiefen. Es gab eine Elterntherapie, und unser Sohn lernte enorm viel – und fasste neuen Mut.
10. Medikamente, Schulbegleitung & der Aufschwung
Medikamente hatten wir lange abgelehnt. Dann ließen wir ihn langsam und ärztlich begleitet einstellen – mit großer Skepsis. Es wurde ein Teilerfolg: Unser Sohn sagt selbst, er könne jetzt klarer denken, und sein Verhalten wurde streckenweise wieder „geerdeter“ und freundlicher. Die sozialen Kontakte kamen zurück.
Parallel wurde – noch aus der Tagesklinik heraus – eine Schulbegleitung installiert. Auch hier waren wir erst skeptisch, auch hier kam der Erfolg: Die Zusammenarbeit zwischen Begleitung und Kind ist großartig, sie stützt und stärkt ihn. Plötzlich kam ein Leistungsschub – mit Erfolgserlebnissen, Spaß und Lebensfreude. Sich verabreden, Hausaufgaben machen, dazugehören: alles wieder möglich.
11. Heute: die Reise geht weiter
Von einer Suspendierung für zwei Wochen sind wir heute bei fünf Stunden Regelunterricht angekommen. Das ist kein Happy End mit Schlusspunkt, sondern ein Weg, der weitergeht – mit Rückschlägen, aber stetig nach vorn.
Auf diesem Weg habe ich übrigens auch viel über mich selbst gelernt und schließlich meine eigene ADHS-Diagnose bekommen. Vieles ergab plötzlich Sinn – und es verbindet mich heute mit meinem Sohn: Ich verstehe ihn von innen.
Genau aus diesen Jahren ist RuheDock entstanden: als der Ausgleich für den ganz normalen Alltag, der uns so oft gefehlt hat. Kein Wundermittel und keine Therapie – aber ein Hafen für die kleinen Schritte, die am Ende den Unterschied machen.
Häufige Fragen
Wird es bei uns auch wieder besser?
Ich kann dir nichts versprechen, denn jede Familie ist anders. Aber bei uns ist es besser geworden – nicht über Nacht, sondern in vielen kleinen Schritten und mit Hilfe von außen. Der wichtigste Schritt war, sich diese Hilfe überhaupt zu holen.
Ab wann sollte ich mir Hilfe holen?
Lieber zu früh als zu spät. Wenn der Alltag dauerhaft zur Belastung wird, wenn du oder dein Kind verzweifelt seid, oder wenn Sätze über das Nicht-mehr-Leben-Wollen fallen, dann zögere nicht. Die TelefonSeelsorge (0800 111 0 111), der Kinder- und Jugendarzt und das Jugendamt sind gute erste Anlaufstellen.
Ersetzt RuheDock eine Therapie?
Nein. RuheDock ist Begleitung und Ausgleich für den Alltag, keine medizinische oder therapeutische Behandlung. Bei akuten Krisen oder Verdacht auf ADHS führt der Weg immer über Fachleute (Kinderarzt, Psychotherapie, ggf. Tagesklinik).